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Spitzfuß

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Synonyme

Pes equinus; Hängefuß; Lähmungsspitzfuß

Englischer Begriff

Pes equinus; Dropfoot

Definition

Angeborene oder erworbene Fußdeformität unterschiedlicher Ursache, bei der der Fuß in Plantarflexion gehalten wird (Abb. 1).

Siehe auch Pes equinus.


Abb. 1.
Fuß in Plantarflexion

Pathogenese

Neuromuskuläre Erkrankungen sind die häufigste Ursache des Spitzfußes (z. B. spinale Muskelatrophie, Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung, Läsion des N. peronaeus, Zerebralparese, Poliomyelitis). Posttraumatische Veränderungen (z. B. Sprunggelenksfrakturen, Kompartmentsyndrom, Narbenkontrakturen) können ebenfalls zur Ausbildung eines Spitzfußes führen. Angeborene Spitzfußdeformitäten kommen im Rahmen von Schluss-Störungen des Neuralrohrs (z. B. Myelomeningozele) oder der Arthrogrypose vor. Spitzfußdeformitäten können auch als Residuum einer konservativ behandelten, angeborenen Fußfehlform, wie z. B. dem Klumpfuß, verbleiben.

Symptome

Ist die Deformität bei einer peripheren Nervenläsion flexibel (Hängefuß), so kann der Fuß passiv mindestens bis zur Neutralstellung redressiert werden. Das Gangbild ist in der Schwungphase gekennzeichnet durch eine vermehrte Kniebeugung des betroffenen Beins (Steppergang), um die funktionelle Beinverlängerung auszugleichen. Über den Vorfußbereich wird die Belastung auf den Rückfuß weitergeleitet. Unbehandelt kann die flexible Spitzfußdeformität in die Entwicklung eines Knickplattfußes münden. Bei kontrakten Deformitäten (Spitzfuß) erreicht der Fuß unter Belastung nicht die Neutralposition im oberen Sprunggelenk, so dass ausschließlich der Vorfuß belastet wird. Durch die relative Beinverlängerung resultiert ein unharmonisches und hinkendes Gangbild.

Diagnostik

Die Untersuchung der Redressierbarkeit der Spitzfußdeformität muss bei gestrecktem und gebeugtem Kniegelenk durchgeführt werden. Lässt sich die Fehlstellung in Knie- und Hüftgelenksbeugung ausgleichen, so ist die Ursache in einer Verkürzung der Wadenmuskulatur zu sehen (Silfverskjöld-Test). Durch eine Röntgenaufnahme im seitlichen Strahlengang lässt sich verifizieren, ob die Spitzfußstellung dem oberen Sprunggelenk oder in seltenen Fällen der Fußwurzel zuzuordnen ist (Abb. 2).


Abb. 2.
Röntgenaufnahme im seitlichen Strahlengang zur Beurteilung der Spitzfußstellung

Therapie

Unabhängig von der Ätiologie kann die Behandlung zunächst konservativ in Form von Dehnungsbehandlungen und Schienenversorgungen durchgeführt werden. Geringe kontrakte Deformitäten des Erwachsenen können dauerhaft mit einer Schuhzurichtung ausgeglichen werden. Ausgeprägte Spitzfußdeformitäten sollten hingegen operativ behandelt werden, um eine sekundäre Dekompensation der Fußwurzelgelenke zu vermeiden.

Konservative/symptomatische Therapie

Geringe, teilkontrakte Spitzfußdeformitäten des Kindes können vor allem bei neuromuskulärer Ursache durch frühzeitige physiotherapeutische Dehnung und anschließende Orthesenbehandlung therapiert werden. Redressierende Gipsverbände sind selten indiziert.

Geringe kontrakte Spitzfußdeformitäten können durch eine Absatzerhöhung am Schuh ausgeglichen werden. Um eine vermehrte Vorfußbelastung zu vermeiden, sollte eine Weichbettung ergänzt werden. Gleichzeitig muss ein Beinlängenausgleich der Gegenseite erfolgen. Bei Vorliegen einer schlaffen Fußheberparese kann das obere Sprunggelenk durch eine entsprechende Orthese (z. B. Heidelberger Winkel) stabilisiert werden.

Medikamentöse Therapie

Liegt die Ursache für den Spitzfuß in einer gesteigerten Kontraktion der Wadenmuskulatur, kann die Injektion von Botulinumtoxin durch reversible Blockierung der Reizweiterleitung eine vorübergehende Befundbesserung bewirken.

Operative Therapie

Führt die konservative Dehnungstherapie bei teilkontrakten Deformitäten nicht zur Befundbesserung, kann eine Verlängerung des M. triceps surae (Vulpius-Operation) oder der Achillessehne durchgeführt werden. Schlaffe Fußheberparesen können durch eine Transposition des M. tibialis posterior teilweise kompensiert werden.

Die Korrektur kontrakter posttraumatischer Spitzfußdeformitäten gelingt meist nicht mit einem reinen Weichteileingriff. Hier sind Korrekturosteotomien der Fußwurzel oder Rückfußarthrodesen indiziert.

Dauertherapie

Residuale Spitzfußdeformitäten sollten dauerhaft durch eine entsprechende Schuhzurichtung (Absatzerhöhung) versorgt werden. Auch schlaffe Paresen der Fußheber müssen dauerhaft durch eine Orthese versorgt werden, um ein weitgehend ungestörtes Gangbild zu ermöglichen.

Bewertung

Die alleinige Dehnungsbehandlung führt nur bei Kindern gelegentlich zu einem bleibenden Korrekturergebnis. Ist die Spitzfußdeformität muskulär bedingt, kann eine Verlängerung des M. triceps surae oder der Achillessehne ausreichend sein. Ausgedehnte Deformitäten beim Erwachsenen lassen sich meist nur mit Korrekturosteotomien oder Arthrodesen anhaltend korrigieren.

Nachsorge

In Abhängigkeit von der Ätiologie der Spitzfußdeformität muss die Grunderkrankung fachärztlich beobachtet und kontrolliert werden. Abgesehen von der bleibenden Korrektur durch knöcherne Eingriffe sollten alle anderen Spitzfußdeformitäten vor allem bei Kindern und Jugendlichen regelmäßig beobachtet werden, um den Zeitpunkt für ein operatives Vorgehen anhand des Verlaufs bestimmen zu können.

Autor

Renée Fuhrmann

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