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Ballenfuß

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Synonyme

Hallux valgus; Spreizfuß; Frostballen; Pes transversus planus

Englischer Begriff

Bunion; Splayfoot

Definition

Spreizfußdeformität, die u. a. durch eine medial knöcherne Prominenz des ersten Mittelfußkopfs gekennzeichnet ist.

Siehe auch Hallux valgus.

Pathogenese

Der Spreizfuß kommt durch ein Auseinanderweichen der Metatarsalia zustande. Dafür verantwortlich ist vor allem die Vergrößerung des Winkels zwischen den Metatarsalia I und II. Gleichzeitig kommt es zur Elongation des Lig. metatarsale transversum, verbunden mit der Verlagerung des M. adductor hallucis, des M. abductor hallucis und der Mm. interossei. Das plantare Sohlengewebe disloziert nach distal, und die veränderte Zugrichtung der Mm. interossei bewirkt Hammer- und Krallenzehen sowie eine Subluxation in den Metatarsophalangealgelenken. Ursächlich an der Ausbildung eines Spreizfußes sind Verformungen im Rückfußbereich bei Platt-, Hohl- und Spitzfuß sowie bei rheumatischen Fußveränderungen beteiligt.

Bei einem Spreizfuß wird der erste Mittelfußkopf medial konturgebend. Da es sich beim Ballen nicht um eine echte Knochenneubildung handelt, spricht man von einer Pseudoexostose. Der medial prominente Ballen führt aufgrund der Vorfußverbreiterung zu Druckbeschwerden in geschlossenem Schuhwerk. Oft entwickelt sich über dem Ballen zusätzlich eine Bursitis.

Symptome

Der mediale Ballen imponiert durch Rötung und Schwellung, Druckbeschwerden im geschlossenen Schuhwerk, Verbreiterung des Vorfußes (Spreizfuß) und Ausbildung eines Hallux valgus, also einer nach lateral gerichteten Abweichung der Großzehe. Durch diese Achsenfehlstellung kann es sekundär zur Ausbildung einer Metatarsalgie sowie Kleinzehendeformitäten kommen.

Diagnostik

In der klinischen Untersuchung zeigt sich plantarseitig unter den Metatarsalköpfchen (meist Os metatarsale II) ein druckdolentes hyperkeratotisches Areal. Als Begleitpathologien kommt es oft zu einem lateralen Abweichen der Großzehe (Hallux valgus) sowie zu Hammer- oder Krallenzehenbildungen mit Hyperkeratose und Schmerzen dorsalseitig über dem proximalen Interphalangealgelenk. Eine Subluxation in den Metatarsophalangealgelenken lässt sich palpatorisch feststellen. Unbedingt zu untersuchen sind eventuelle Fehlstellungen im Rückfußbereich.

Als bildgebendes Verfahren empfiehlt sich das Röntgen des Fußes dorsoplantar und seitlich im Stehen. Neben dem Grad der Spreizfußfehlstellung lassen sich auch Subluxationen in den Metatarsophalangealgelenken diagnostizieren.

Fußanalysen durch podometrische Verfahren ermöglichen die Aufzeichnung der Druck- und Kontaktkräfte am Boden und weisen auf abnorme Druckverhältnisse im Bereich der Metatarsalköpfchen II–IV hin.

Differenzialdiagnose

Knöcherne Auftreibung des ersten Mittelfußkopfs durch Knochenzyste oder Knochentumor (siehe auch Tumoren), Verkalkung der gelenkumgebenden Weichteile, Gichttophi, Bursitis.

Therapie

Je nach Beschwerdesymptomatik, Befundausprägung und körperlicher Aktivität sind konservative oder operative Behandlungsmaßnahmen möglich.

Akuttherapie

Konsequente Vermeidung von Druckbelastung über dem Ballen (offenes Schuhwerk), lokale Anwendungen von Eis und/oder Antiphlogistika bei Vorliegen einer Bursitis.

Konservative/symptomatische Therapie

Anpassung des Schuhwerks (Aufweiten des Schuhoberleders, Verordnung von maßangefertigten Schuhen), Weichpolsterung des Ballens. Flexible Spreizfußfehlstellungen können hinreichend durch Einlagen mit retrokapitaler Abstützung versorgt werden, um eine Druckentlastung zu bewirken. Im Fall eines rigideren Spreizfußes muss eine Bettungseinlage mit retrokapitaler Metaleiste I–V angefertigt werden, deren Effekt nötigenfalls durch eine Schmetterlingsrolle verstärkt wird. Die Einlagenversorgung kann im Fall eines flexiblen Spreizfußes durch Fußgymnastik ergänzt werden.

Medikamentöse Therapie

Antiphlogistika

Operative Therapie

Bei einem medialen Ballen kann eine Verkleinerung des Spreizfußwinkels durch Osteotomie des ersten Mittelfußknochens erfolgen. Ziel der Operation ist eine weitgehend parallele Orientierung der ersten beiden Mittelfußstrahlen. Die knöcherne Korrektur kann je nach Ausmaß der Fehlstellung hinter dem Mittelfußkopf (retrokapitale Osteotomie), in Schaftmitte (diaphysäre Osteotomie) oder am körpernahen Mittelfußknochen (proximale Osteotomie) durchgeführt werden. Kombiniert wird dieses Vorgehen mit geeigneten Weichteilmaßnahmen, die eine Rezentrierung der Großzehe über dem ersten Mittelfußstrahl ermöglichen.

Dauertherapie

Ein medialer Ballen bleibt nach seinem Auftreten dauerhaft bestehen und kann sich unbehandelt weiter vergrößern. Die konservative Behandlung zielt auf eine Behebung der druckbedingten Beschwerden und ist bei entsprechenden Risiken oder fehlendem Operationswunsch als Dauertherapie anzusehen. Nach der operativen Korrektur mit Reduktion des Spreizfußwinkels ist von einer dauerhaften Beseitigung des Ballens auszugehen, so dass in der Regel Konfektionsschuhwerk oder zugerichtetes Schuhwerk getragen werden kann. Eine Dauertherapie ist nach erfolgter operativer Therapie in der Regel nicht erforderlich.

Bewertung

Die konservative Therapie ist zur Beseitigung der druckbedingten Beschwerden über dem Ballen geeignet, hat jedoch keinen kausalen Therapieansatz. Ein alleiniges Abtragen des medialen Ballens ist zur dauerhaften Beseitigung des Ballens ebenfalls nicht erfolgversprechend. Allein eine Verkleinerung des Spreizfußwinkels ist die Voraussetzung zur anhaltenden Beseitigung des medialen Ballens.

Ohne die Ursache der Überbelastung der Metatarsophalangealgelenke zu erkennen (Platt-, Hohl-, Spitzfuß, Hallux-valgus-Fehlstellung) bleibt jedoch die alleinige operative Therapie der Metatarsophalangealgelenke ohne Erfolg.

Nachsorge

Eine Spreizfußkorrektur durch Osteotomie des ersten Mittelfußknochens erfordert eine teilweise Entlastung des Vorfußes bis zum Eintreten der knöchernen Heilung (vier bis zwölf Wochen). Dies kann durch Teilbelastung des Fußes an Unterarmgehstützen oder durch Verwendung einer Vorfußentlastungsorthese erfolgen. Bis zum Abschluss der knöchernen Heilung sollte eine regelmäßige fachärztliche Kontrolle erfolgen.

Autor

Renée Fuhrmann, Karl-Heinz Kristen, Peter Bock

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